Der Jakob­sweg ist der berühmteste Pil­ger­weg der Welt. Dabei gibt es ihn eigentlich gar nicht – DEN Jakob­sweg. Wenn wir heute davon sprechen, meinen wir den „Camino Francés“, der sich über etwa 800 Kilo­me­ter von den Pyrenäen nach San­ti­a­go de Com­postela erstreckt. Er ist der große Klas­sik­er unter den spanis­chen Jakob­swe­gen, entsprechend gut ist die Infra­struk­tur dort. Aber so manch­er Pil­ger fühlt sich angesichts der vie­len Men­schen auch über­frachtet: Etwa wenn sich alle jeden Mor­gen im Eil­tem­po zur näch­sten Her­berge auf­machen, um die besten Plätze zu ergat­tern. Da kann das Gefühl für Entschle­u­ni­gung schnell auf der Strecke bleiben.

Verlassener Abschnitt Wollroute

Wer es ruhiger mag, ist daher auf den unbekan­nteren Nebe­n­ar­men des Jakob­swegs in Spanien bess­er aufge­hoben. Ein­er der absoluten Geheimtipps unter den Jakob­swe­gen ist der Camino de la Lana, der Woll­weg. Dabei han­delt es sich um eine alte Viehdrift. Hirten trieben ihre Schafe im Som­mer aus dem heißen, trock­e­nen Ali­cante in die grü­nen Berge im Nor­den. Tra­di­tionell begin­nt der Weg in Mon­teagu­do de las Sali­nas und endet in der Stadt Bur­gos, wo man das let­zte Stück bis San­ti­a­go de Com­postela auf dem Camino Francés fort­set­zt. Ins­ge­samt 380 Kilo­me­ter führt der Woll­weg durch weit­ge­hend flache Land­schaft. Der Name rührt auch daher, dass auf diesem Weg Wolle und gewebte Stoffe aus der Stadt Cuen­ca nach Bur­gos trans­portiert wur­den.

Auf der Wollroute

In der Ruhe liegt die Kraft: Der wahre Geist des Jakobswegs

Doch was ist das Beson­dere daran? Nicht nur, dass man hier stun­den­lang laufen kann, ohne ein­er Men­schenseele zu begeg­nen. Oder dass man hier am her­rlichen Weltkul­turerbe Cuen­ca vor­beikommt, deren hän­gende Häuser wie Adler­horste auf dem Fels thro­nen. Hier lebt man auch noch den wahren „Spir­it“ des Jakob­swegs. Den gab es übri­gens schon im 12. Jahrhun­dert. Damals ver­fasste der Benedik­tin­er­mönch Aymer­ic Picaud seinen Pilger-Ratgeber, Liber Pere­gri­na­tio­n­is: „Jed­er Men­sch sollte Pil­ger mit Liebe und Respekt emp­fan­gen, ob reich oder arm“, ste­ht dort. „Denn jed­er, der sie empfängt und beherbergt, wird nicht nur sie zu Gast haben, nicht nur den Heili­gen Jakob, son­dern auch den Her­rn höch­st­selb­st.“

Kreuz auf dem Wollweg

Viele Spanier, die ich auf dem Woll­weg getrof­fen habe, haben dieses Prinzip verin­ner­licht und engagieren sich ehre­namtlich für den Camino de la Lana. Hier habe ich diesen Satz auch zum ersten Mal gehört: „Ich will dem Jakob­sweg etwas zurück­geben.“ Zum Beispiel von Luis, der als Bib­lio­thekar in Cuen­ca arbeit­et und ehre­namtlich die Pil­ger­her­berge betreut. Was die Über­nach­tung dort kostet?

„Nada“, sagt er – nichts. Aber Spenden seien natür­lich her­zlich willkom­men. Ohne Schlange ste­hen zu müssen, bekom­men wir den Stem­pel im Pil­ger­pass von Schwest­er Rosa im Hos­pi­tal de San­ti­a­go von Cuen­ca – in ein­er Apotheke aus dem 18. Jahrhun­dert, in der es nach Medi­zin riecht und die Etiket­ten der alten Tiegel ganz vergilbt ausse­hen. Schon seit dem 12. Jahrhun­dert wer­den in diesem ural­ten Gebäude kranke und alte Men­schen ver­sorgt.

Pilgerbuch Jakobsweg

Großzügig und gemeinsam: Auf der Wollroute gehört Teilen dazu

In die Her­berge gle­ich um die Ecke kom­men nur sel­ten Pil­ger. Wenn zwei gle­ichzeit­ig hier über­nacht­en, sei das für ihn schon ein beson­deres Ereig­nis, sagt Luis. Er hat den typ­isch fed­ern­den Gang eines Men­schen, der kör­per­lich abso­lut fit ist. Ganze 22 Mal ist er den Weg gelaufen.

Auch auf dem näch­sten Abschnitt – nördlich von Cuen­ca in Rich­tung Tor­ral­ba – sind wir wieder die einzi­gen, die ent­lang des Woll­wegs marschieren. Grillen zir­pen, wir passieren ver­fal­l­ene Unter­stände, die einst die Schäfer für ihre Her­den nutzten. Wir sehen Men­schen bei der Wein­ernte und gehen an Mais­feldern vorüber, deren trock­ene Halme im Wind rascheln. Auch ein Hirte mit sein­er Schafherde kreuzt den Weg – der Woll­weg zeigt sein ursprünglich­es Gesicht.

Schafe auf der Wollroute

Unterirdisches Weinparadies: Ein Dorf und viele Höhlen

Auf dem Weg liegt auch „Albal­ate de las Nogueras“. Dieser Ort ist etwas ganz Beson­deres mit seinen Höhlen, die, sowohl unter den Häusern, als auch mit run­den Eingän­gen unter den Dorfhügeln liegen. Ein stein­ern­er Bogen wölbt sich über die grob gez­im­merte Ein­gangstür, auf dem Dach wächst ein Grastep­pich, dahin­ter noch ein­er und noch ein­er. Und nicht nur am Dor­frand von Albal­ate de las Nogueras find­et sich das Gewirr aus dun­klen Gän­gen im Unter­grund, auch von den Häusern im Ort­szen­trum aus hat man Zugang zur Unter­welt.

Mehr Höhlen als Ein­wohn­er gibt es hier – ins­ge­samt 300 an der Zahl. Heute nutzen die Dorf­be­wohn­er den Unter­grund als Weinkeller. Beliebt sind diese nicht nur, weil dort die Weine wegen der natür­lichen Kälte und Feuchtigkeit ohne Kon­servierungsstoffe auskom­men. In den Höhlen trifft man sich, so wie sich andere Leute in anderen Orten in Bars tre­f­fen. Vor allem während der Wein­lese wird hier gemein­sam Mit­tag gegessen, getrunk­en, gespielt und sich unter­hal­ten.

Katakomben Spanien

Kein Ort für Geschäfte: Zusammen essen und trinken gehört dazu

Weil ger­ade Wein­ernte ist, wer­den wir viele Male in die Höhlen ein­ge­laden, um zu kosten. Unserem Zeit­plan hinken wir längst hin­ter­her, als wir am Ziel ankom­men: den Höhlen der Fam­i­lie Moreno-Gomez. Acht Geschwis­ter teilen sich die unterirdis­chen Kam­mern, lagern hier Wein ein. Die Moreno-Gomez´ haben in ihrem gemütlichen Keller Pael­la zubere­it­et.

An der weiß ver­putzten Wand ste­ht „Fre­und­schaft ist der Wein des Lebens“. Beim Pro­bieren der köstlichen Pael­la fra­gen wir, ob sie sich hier nicht mit einem Restau­rant selb­st­ständig machen wollen… Die Antwort kommt prompt: „Este lugar no es para nego­ciar, es para com­par­tir“ (Dies ist kein Ort zum Geschäfte machen, son­dern ein Ort um zu teilen) Auf dem Jakob­sweg gibt es die „Shar­ing Econ­o­my“ schon min­destens seit dem 12. Jahrhun­dert.

Albalate Spanien

Noch ein Tipp zum Schluss

Dass dieser lange Nebe­n­arm des Jakob­swegs noch so unbekan­nt ist, hat auch einen Nachteil: Die Infra­struk­tur für Pil­ger ist längst nicht so pro­fes­sionell und gut aufge­baut wie auf den bekan­nteren Wegen. Man muss also bess­er pla­nen, wo man wann über­nacht­en möchte. Infor­ma­tio­nen gibt es auf der von Ehre­namtlichen betreuten Home­page, allerd­ings nur auf Spanisch. Ich würde empfehlen, diesen Weg nur mit zumin­d­est rudi­men­tären Spanis­chken­nt­nis­sen zu gehen (oder jeman­den mitzunehmen, der über­set­zen kann). Darü­ber hin­aus ist vor einem so lan­gen Fuß­marsch eine opti­male Vor­bere­itung Gold wert: Man sollte sich über die eigene kör­per­liche Ver­fas­sung im Klaren sein und sich vorher auch schon ein­mal gründlich den Kopf zer­brechen, was alles wirk­lich eingepackt wer­den muss. Einige Tipps find­et ihr hier.

Und wer noch mehr über den Jakob­sweg erfahren möchte, der kann Christof von Ein­fach bewusst auf sein­er Reise von Nürn­berg nach San­ti­a­go de Com­postela mit uns begleit­en.

Es geht los: Vier Monate auf dem Jakobsweg

| von 
Vor zehn Tagen habe ich groß erklärt, wie man eine lange Tour auf dem Jakobsweg meistert. Ab Samstag muss ich den Beweis antreten, dass es wirklich so einfach ist. Dann startet nämlich mein Abenteuer Jakobsweg. Vier Länder, rund 120 Tage, fast 3000 km und vier bis fünf Millionen Schritte liegen zwischen Nürnberg und Santiago de Compostela. Ich habe mir vorgenommen, von meiner Haustüre aus jeden Schritt bis zur Kathedrale von Santiago de Compostela zu machen. Dieser Gedanke fasziniert mich, seit ich vor 20 Jahren den in Spanien geläufigen Spruch „El camino comienza en su casa“ aufgeschnappt habe, was auf Deutsch…

Seit mehr als zehn Jahren arbeitet das Redaktionsteam Reisefeder unter anderem für Magazine wie Brigitte, Onlineportale wie Spiegel Online oder Reisebücher wie Merian. Seit ihrer Kindheit auf dem Bauernhof fühlt...

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